Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

32 Vereine 3078 Unterschriften 2291 Vorfälle 581 Fortschritte

 

de10.08.2012 Appelle und Kontrollen alleine werden nicht reichen

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat derzeit alle Hände voll zu tun. Am Freitag (10.08.12) verhandelt es über das Strafmaß für Fortuna Düsseldorf, zuvor hat es bereits Sanktionen gegen Köln, Frankfurt und Karlsruhe verhängt. In jedem dieser Verfahren ging es auch um Pyrotechnik. Der Kampf gegen illegal ins Stadion geschleuste Feuerwerkskörper geht weiter - mit neuen Ideen.

Ein 1860-München-Fan ist auf dem Weg ins Stadion, stoppt noch kurz im Supermarkt. Ein Feuerzeug und ein Bierbecher zum Werfen, Pyrotechnik zum Zündeln - macht zusammen 20.000 Euro. Die Erklärung kommt aus dem Off: Diese Summe hat der TSV 1860 München im vergangenen Jahr für das Fehlverhalten seiner Fans gezahlt. Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. "Das ist's doch wirklich nicht wert, oder?"

Das nett gemachte Video ist Teil der Kampagne "Reißt's eich zam", mit der sich die 60er an ihre Fans wenden. Den Film haben Studenten der Medienakademie München gedreht, "er ist sehr gut geworden", findet TSV-Geschäftsführer Robert Schäfer. "Wir wünschen uns, dass die Kampagne unsere Fans zum Nachdenken und Umdenken anregt." Der Löwen-Fanbeauftragte Axel Dubelowski berichtet aber auch, dass "Zündeln vor allem für viele jüngere Fans ein elementarer Bestandteil von Fankultur und Stilmittel für die Kurve ist. Der Klub hingegen lehnt dieses verbotene Treiben strikt ab. Für viele Fans ist es der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, das im besten Fall, so glaubt man, niemandem weh tut."

Verhärtete Fronten

Allerdings sorgen Feuerwerkskörper in den Stadien immer wieder für Verletzte. Im Februar 2010 verbrannten sich zwei Nürnberger Anhänger schwer an bengalischen Feuern. Im September 2011 verletzte ein Böller in Osnabrück mehr als 30 Menschen. Knallkörper sind selbst unter den Ultras umstritten. Aber Bengalos? "Pyrotechnik ist kein Verbrechen", heißt es immer wieder in Ultrakreisen. Die Kampagne "Pyrotechnik legalisieren! Emotionen respektieren!" wird von fast allen Ultra-Gruppen Deutschlands unterstützt.

Zeitweise sah es so aus, als ob Polizei, Vereine und Fans sich annähern. Im Gespräch war zum Beispiel ein fachmännisch kontrolliertes Abbrennen von Bengalos außerhalb des Fanblocks. Doch spätestens seit dem jüngsten Sicherheitsgipfel von Vereinen, Verbänden und Politik Mitte Juli sind solche Kompromisse kaum noch denkbar. Die Fangruppen ärgerten sich darüber, dass sie gar nicht eingeladen waren. Und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach betonte, der beschlossenen Verhaltenskodex sei ein "Stoppzeichen gegen Gewalt und jede Form von Pyrotechnik."

Pilotprojekt mit Spürhunden

Damit künftig keine Feuerwerkskörper mehr ins Stadion gelangen, geht das Land Niedersachsen völlig neue Wege. Die Polizei trainierte zwei Suchhunde darauf, Pyrotechnik aufzuspüren. "Sie werden bei der Einlasskontrolle punktuell einzelne Fans absuchen", sagte Christian Grünig, der Leiter der Diensthundeführerstaffel Hannover, zu sportschau.de. Oft sind die Leibesvisitationen an den Eingängen flüchtig, was auch mit dem zeitweise großen Andrang zusammenhängt. Viele Fans werden ohne Kontrolle ins Stadion gelassen, die Sicherheitsleute tasten zudem meist nur den Oberkörper ab. Deshalb schmuggeln einige Fans Pyrotechnik in Vorrichtungen an der Unterwäsche oder gar in Körperöffnungen ins Stadion, wie Grünig berichtet. Diese Sicherheitslücke sollen die Spürhunde schließen.

Zwölf Wochen lang hat die Polizei einen Labrador und einen Border Collie trainiert, am ersten Zweitligaspieltag hatten sie am vergangenen Sonntag ihren ersten Einsatz. Beim Spiel zwischen Braunschweig und Köln fanden sie zwar nichts, aber auf den Rängen brannten auch keine Bengalos. Der Einsatz der Spürhunde ist ein Pilotprojekt, Ende des Jahres wird Bilanz gezogen.

Kreativität auf beiden Seiten

Doch die Fans kennen auch Tricks, bei denen selbst die Spürhunde machtlos sind. Sie lassen sich, wie Hundestaffelführer Grünig berichte, Pyrotechnik über Zäune werfen oder von Komplizen lange vor Anpfiff im Innenbereich verstecken. Manchmal helfen Catering-Mitarbeiter oder gar Sicherheitsleute, Feuerwerkskörper ins Stadion zu schmuggeln. Also muss auch die Gegenseite noch kreativer werden - und das wird sie offenbar auch.

Beispielsweise denkt Martin Kind, Präsident von Hannover 96, über höhere Eintrittspreise in Blöcken nach, in denen Pyrotechnik gebrannt hat. Der Kölner Polizei-Oberrat Volker Lange will solchen Sektoren gar mit riesigen Vorhängen die Sicht versperren lassen. Bisher sind dies lediglich Ideen. Aber wer sich im Internet einmal in Ultra-Foren umschaut, der ahnt - Appelle und Kontrollen alleine werden die Pyrotechnik-Fans kaum vom Zündeln abhalten.


Volker Schulte
linklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklink