Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

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de20.07.2014 Fernsehtip: Terra X über Pyrotechnik @ ZDF SO 20.07. um 20h

Aus Böllern gegen Geister wurde ein Statussymbol

Es war eine einfache Konstruktion, mit der man im China der Tang-Dynastie böse Geister und Dämonen zu vertreiben suchte: ein Bambusrohr, gefüllt mit Salpeter, Holzkohle und Schwefel. Der Bahzou (explodierender Bambus) erwies sich als ausgesprochen effektiv – und nachhaltig. Seine Detonation vor knapp 1400 Jahren ließ bald ein ganz neues Gewerbe entstehen, die Pyrotechnik.

Vom fernöstlichen Volksglauben fand das Feuerwerk bald Eingang in die höfische Kultur Europas. Es adelt Nationalfeiertage, krönt Fußball-Weltmeisterschaften und ist aus dem Jahreswechsel nicht wegzudenken. Dass die Pyrotechnik nebenbei auch das Kriegswesen und die Politik revolutionierte, ist nur ein Aspekt der "Terra-X"-Dokumentation "Der zündende Funke", mit der das ZDF am Sonntag die Geschichte des Feuerwerks erzählt.

In China kennt jedes Kind die Geschichte des Mönches Li Tian, der als Erfinder des Feuerwerks gilt. Um die Seuchen, den anhaltenden Regen und die dafür verantwortlichen bösen Geister zu vertreiben, experimentierte der Mönch mit Schwarzpulver und Bambusrohren. Kurz darauf war der erste Böller geboren.

Aber schon bald fanden die Menschen, dass das Feuerwerk nicht nur ein probates Mittel gegen Geister, sondern auch gegen ihresgleichen sei. Als die Mongolen im 13. Jahrhundert zur Invasion Chinas ansetzten, verfügten beide Parteien über ein mörderisches pyrotechnisches Arsenal: Brandbomben, Flammenwerfer, die brennende Flüssigkeiten verspritzten, Brandpfeile, Donnerschlagsbomben, die Pferde scheu machten, Leuchtgeschosse, Splittergranaten mit Mänteln aus Gusseisen und verheerender Sprengkraft, Tretminen aus Bambus, gefüllt mit Bleikugeln, Raketen, "Feuerlanzen", die Menschen blendeten oder verstümmelten, Gewehre und sogar Kanonen aus Gusseisen", die Liste des Sinologen Kai Vogelsang zeugt von der diabolischen Erfindungsgabe des Homo sapiens.

Statussymbol für Könige und Fürsten

Allerdings macht die ZDF-Dokumentation deutlich, dass viele dieser Waffen einen ähnlichen Eindruck machten wie die Böller gegen Geister. Sie waren derart ungenau, dass sie vor allem psychologisch wirkten.

Arabische Händler, die die maritime Seidenstraße durch den Indischen Ozean beherrschten, brachten das Wissen um Schießpulver und Raketen schließlich nach Europa. Dass die Byzantiner bereits im 7. Jahrhundert mit dem "Griechischen Feuer" eine Art Flammenwerfer hervorgebracht hatten, war da schon lange in Vergessenheit geraten.

Schon bald wurde die Pyrotechnik fester Bestandteil von Festzeremonien an den Höfen Europas. 1506 zündete Kaiser Maximilian I. anlässlich des Reichstags zu Konstanz das erste Feuerwerk in Deutschland, stilecht über dem Bodensee. Als Kaiser Karl V. 1535 Tunis eroberte, war das ebenso ein Feuerspektakel wert wie die Unterzeichnung des Westfälischen Friedens hundert Jahre später.

Spätestens im Barock hatte sich die Feuerwerkskunst als wichtiges Statussymbol für Könige und Fürsten etabliert. Ob in Versailles, Wien oder in London – wer etwas auf sich hielt, inszenierte sich in Raketenbildern, zu denen der König von England 1749 auch eine "Feuerwerksmusik" von Georg Friedrich Händel bestellte (das dazugehörende Feuerwerk zur Feier des Friedens von Aachen fiel allerdings ins Wasser. Böse Zungen behaupten, es habe am Streit zwischen britischen und italienischen Feuerwerkern gelegen). Ein üppiges Feuerwerk symbolisierte Reichtum und Macht, daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Meister der Pyrotechnik waren hochbegehrt. Die ZDF-Dokumentation führt die beispielhafte Karriere der italienischen Familie Ruggieri vor. Kein Geringerer als Napoleon I. wusste sich ihrer Dienste zu versichern. Dafür bekam er das erste grüne Feuer der Pyro-Geschichte. Später sorgte ein Ruggieri in Paris allerdings für gelindes Entsetzen, als er mit einer selbst gebauten Rakete einen kleinen Jungen in den Himmel schießen wollte.

In den Fabriken von Liu Yang

Verglichen mit der dunklen Seite der Pyrotechnik war das aber nur eine Bagatelle. Kaum hatten der englische Franziskaner Roger Bacon um 1267 oder sein deutscher Ordensbruder Berthold Schwarz um 1353 herum das Schwarzpulverrezept in Europa formuliert, gingen die Militärs daran, es für sich nutzbar zu machen. Dass die Experimente bald von Erfolg gekrönt waren und Europa dem chinesischen Vorbild bald den Rang ablief, verdankte es nicht zuletzt seinem Reichtum an Metallen und Holz als Energielieferant.

Zudem gab es zahlreiche Leute, die sich mit der Verarbeitung von Eisen oder Bronze auskannten und immer haltbarere Legierungen entwickelten, die immer größeren Ladungen standhielten. Als Europas Flotten im 15. Jahrhundert in See stachen, um den Seeweg nach Indien zu entdecken, führten sie Geschütze mit sich, die allen Gegnern in Asien überlegen waren.

Trotz der Schrecken, den ihre militärische Anwendung verbreitet, hat sich die Faszination der Pyrotechnik bis heute erhalten. Trotz aller Mahnungen "Brot statt Böller" werden allein zum Jahreswechsel in Deutschland rund 124 Millionen Euro in die Luft geschossen. Zum Leidwesen von Fußballvereinen kommt Pyrotechnik auch zunehmend in Stadien zum Einsatz.

Weltweit ist Pyrotechnik ein Milliardengeschäft – und gleichwohl Handarbeit geblieben. "Terra X" zeigt die Arbeitsbedingungen in den Feuerwerksfabriken von Liu Yang in China. Die Stadt in der Provinz Hunan ist die Hauptstadt des Feuerwerks: Nirgendwo werden mehr Raketen, Böller und Bomben hergestellt. Nach wie vor werden sie mit der Hand zusammengebaut – eine maschinelle Verarbeitung wäre zu gefährlich.

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