Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

32 Vereine 3192 Unterschriften 2292 Vorfälle 581 Fortschritte

 

de14.03.2017 Terrorgruppe Freital testete vorab Sprengkraft ihrer Cobra-Böller

Der jüngste der acht Angeklagten ist geständig. Er habe keinen verletzen wollen, beteuert Justin S. Doch da gibt es Zweifel.

Dresden. Nur der jüngste Angeklagte brach das Schweigen. Ein großer Redner sei sein Mandant nicht, aber er werde "ohne Rücksicht auf Verluste" aussagen. Das versprach Justin S.' Verteidiger am Oberlandesgericht Dresden. Im Prozess gegen die unter Terrorverdacht stehenden acht Angeklagten der "Gruppe Freital" legte am Dienstag der 19-Jährige, also zur Zeit der vorgeworfenen Taten einzige noch minderjährige Angeklagte ein Geständnis ab. Er belastete Mitangeklagte, darunter die mutmaßlichen Rädelsführer Timo S. und Patrick F., schwer.

"Ich hatte nie die Absicht, jemanden zu verletzen", druckste Justin S. Nicht beim Überfall aufs linke Wohnprojekt "Mangelwirtschaft", als er mit den Freitaler Kameraden und Helfern der Freien Kameradschaft Dresden das Haus in zwei Stoßtrupps generalstabsmäßig von vorn und hinten angriff. Auch nicht, als sie die Asylbewerber-Unterkunft an der Wilsdruffer Straße in Freital attackierten. Die illegalen ausländischen Böller habe meist Patrick F. besorgt. Dieser habe ihn und den Mitangeklagten Mike S. am Abend des 1. November 2015 auch angewiesen, wie er selbst einen Sprengkörper an den Fenstern des von Flüchtlingen bewohnten Hauses zu befestigen. Böller vom Typ Cobra 6 und Cobra 12 seien es gewesen. Ob er um die Sprengwirkung dieser in Deutschland illegalen Feuerwerkskörper wisse, wollte der Vorsitzende Richter Thomas Fresemann wissen. Ja, die habe er mehrfach gesehen, räumte Justin S. ein.

Die Gruppe hatte zunächst Sprengversuche im Freien veranstaltet und Bilder davon in ihrem Chatroom ins Internet gestellt. Die Sprengbilder der mutmaßlichen Terrorgruppe nahm das Gericht am Dienstag nicht in Augenschein. Doch auf der Internet-Plattform Youtube veranschaulichen etliche vergleichbare Videos kichernder Hobbyfilmer, die im Wald und auf freiem Feld mit Böllern der genannten Typen experimentieren, deren Sprengkraft. Sie reißen metallene Badewannen, Geschirrspülgeräte und Kühlschränke von innen heraus in Fetzen. Die Druckwelle treibt deren Splitterteile haushoch in den Himmel. Wie er habe davon ausgehen wollen, dass bei solchen Detonationen niemand verletzt werde, bohrte der Richter. Schweigen.

Er habe seinen Böller nicht an die Scheibe geklebt, wie Patrick F. verlangt habe, sondern ihn nur aufs Fensterbrett gelegt, in der Hoffnung, so richte er weniger Schaden an, beteuerte Justin S. Ob er wisse, ob die anderen ähnliche Skrupel gehegt hätten, wollte der Richter wissen. Zumindest im Chatroom hätten ihre Kommentare erschrocken geklungen, als beim Anschlag im November ein syrischer Bewohner des Hauses vom ins Zimmer spritzenden Glassplitterhagel verletzt wurde, versicherte Justin S. Allerdings nur, um sich von einem der anderen Richter erinnern zu lassen, es gebe eine Aussage, dass er und andere aus der Gruppe zügelnd auf die Köpfe einwirkten, als die Rede darauf kam, solche Böller doch auch mal in eine Menschenmenge von Flüchtlingen zu werfen. Bei den Zaghafteren habe da nur eines Skrupel ausgelöst: dass so auch Frauen und Kinder betroffen seien.


Jens Eumann
linklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklinklink