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Stille Nacht

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ch30.07.2017 Feuerwerk ist Folter

Ein Federkleid will gepflegt werden: In der Mauser erneuern Vögel ihr abgenutztes Gefieder, entweder vollständig oder nur zum Teil. Je nach Art ist der Vogel in dieser Zeit nicht flugfähig. Die Festivitäten des 1. Augusts kommen deshalb zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Im Sommer herrscht Mauserzeit, sowohl für die erwachsenen Wasservögel als auch für ihre Sprösslinge, die ihr Jugendkleid ablegen müssen. Zudem sind einige Vögel noch oder bereits wieder am Brüten. Eine Störung durch Feuerwerkskörper kann ausserdem dazu führen, dass Eltern und Küken voneinander getrennt werden.

Doch auch ohne Mauser und Brutzeit sind die akustischen Vogelscheuchen problematisch. Denn in Panik zu flüchten ist auch mit intaktem Federkleid anstrengend und bedeutet eine Menge Stress. «Es ist für mich sonnenklar, dass der Krach von explodierenden Knallkörpern für die Vogelwelt eine schädliche, akustische Folter ist», sagt Kuno Feurer, Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Birdlife Goldach. «Wenn die Knallkörper in die Luft gehen, ergreifen die Vögel panisch die Flucht. Die Feuerwerke zum 1. August sind gefährlicher als jene zu Silvester». Der Hobbyornithologe bezeichnet sich selbst nicht als Experte hinsichtlich der Auswirkungen von Feuerwerkskörpern, doch er schätzt, dass viele Wasservögel durch den Lärm Stress erleiden, der sogar tödlich sein kann. Feurer verweist auf den Ornithologen Dr. Stefan Werner von der Vogelwarte in Sempach. Der gebürtige Konstanzer untersuchte vor zwei Jahren die Auswirkungen von Feuerwerkskörpern auf Wasservögel in der Region der Insel Mainau. Der Vogelfachmann zählte vor und nach dem Feuerwerk die Population der Wasservögel und beobachtete ihr Bewegungsverhalten mit einem Nachtsichtgerät.

Forscher plädieren auf Feuerwerksverzicht

Das Ergebnis: Die Feuerwerksexplosionen verursachten bei allen anwesenden Wasservogelarten eine starke Fluchtreaktion. Etwa 95 Prozent der anwesenden Wasservögel flüchteten aus der Bucht rund um die Insel Mainau. Insbesondere Kolben- und Tafelente, Blässhuhn und Haubentaucher waren verschreckt ebenso wie der Höckerschwan. Beim Haubentaucher, der während der Mauser völlig flugunfähig ist, blieben die Bestände selbst zwei Tage nach dem Feuerwerk noch reduziert.

Die Meinung aus Fachkreisen ist einstimmig: In der Nähe von Feuchtgebieten mit grossen Vogelbeständen wäre es wünschenswert, auf Feuerwerke zu verzichten, insbesondere während der Brut- und Mauserzeit, also im Frühjahr und im Sommer. Grossfeuerwerke stören nicht nur die sich in der Nähe befindenden Vögel, sondern auch diejenigen, die etliche Kilometer entfernt sind. Wenn die rund 120 Jahre alte Tradition der 1.-August-Feuerwerke nicht gebrochen werden soll, sollten aus Rücksichtnahme zumindest leisere Knallkörper eingesetzt werden.

«Durch die Knallerei werden schliesslich nicht nur Vögel erschreckt und verstört, sondern auch Hunde, Katzen und andere Tiere», gibt Feurer abschliessend zu bedenken.


Christina Vaccaro
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