Pyrotechnik ist kein Spielzeug

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de06.03.2018 So leicht kommt man an gefährliche Böller

Die Mitglieder der Gruppe Freital besorgten sich die illegalen Sprengsätze für ihre Anschläge auf Märkten in Tschechien. Die Polizei sieht vermehrt den Internethandel als Gefahr.

Freital. La Bomba, Dum Bum, Viper 12, Cobra 6, Cobra 12, Flash Bangers – so heißen die Böller, mit denen die Mitglieder der Gruppe Freital im Jahr 2015 mehrere Anschläge auf Flüchtlinge und politisch Andersdenkende verübten. Die Ermittler finden das „Obst“, wie die Angeklagten es nennen, in den Wohnungen und am Arbeitsplatz eines Beschuldigten. Im Spind hatte er 88 Stück Pyrotechnik der Marke „Dum Bum“ aufbewahrt. Was allen Böllern gemein ist: Sie sind vor allem wegen ihrer immensen Sprengkraft illegal. Von außen an einem Fenster angebracht, wirkten sie wie Glassplitterbomben. Die Hauptladung beim Typ Cobra 12 entspreche etwa der 130-fachen Wirkung eines in Deutschland zugelassenen Silvesterböllers, wie der Oberstaatsanwaltschaft im am Mittwoch zu Ende gehenden Prozess gegen die Gruppe Freital sagte. Doch wie schwer ist es, an solche Böller zu kommen?

Als Umschlagplätze für die Sprengsätze gelten die grenznahen Märkte in Tschechien und Polen – wie zum Beispiel der Markt in Hrensko. Fahnder der Bundespolizei sind vor allem in der Zeit vor Silvester im Einsatz, um Käufer der Böller kurz hinter der Grenze zu ertappen. Die Zahl der dadurch eingeleiteten Strafverfahren ist in Sachsen rückläufig. Laut Bundespolizei gab es im Jahr 2014 noch 398 Verfahren, im vergangenen Jahr waren es 206.
illegale Böller 2013-17
Die Erwischten bekommen Post vom Staatsanwalt, in der Regel sind es Strafbefehle. Über diese Geldstrafen hinaus stellt die Bundespolizei Transport und Vernichtung der verbotenen Pyrotechnik in Rechnung. Das sind pro Fall 200 Euro aufwärts.

„Die Dunkelziffer dürfte in diesem Bereich sehr hoch sein“, sagt Reinhard Gärtner, Pressesprecher der Polizeigewerkschaft in Sachsen. Voraussetzung für das Stellen der Tatverdächtigen sei eine ausreichende Polizeistärke. Dies mahne die Gewerkschaft schon seit geraumer Zeit an. Insgesamt sei die Strafverfolgung durch den Wegfall der Grenzkontrollen im EU-Raum sehr schwierig. Gärtner sieht die illegale Einfuhr der Böller als großes Problem. Sie würden zum Beispiel bei Fußballspielen eingesetzt.

Allerdings scheint sich der Handel mit den illegalen Böllern von den sogenannten Tschechen- und Polenmärkten zunehmend ins Internet zu verlagern. „Viele bestellen ihre Böller auch im Internet, die werden dann per Post geschickt – da können wir nicht einmal eine Schätzung abgeben, wie viel da an uns vorbei verschickt wird“, sagt der Sprecher des Landeskriminalamtes, Tom Bernhardt. Die Beamten würden zwar im Internet recherchieren. „Aber nur anlassbezogen mit einem konkreten Anhaltspunkt. Eine reguläre, regelmäßige Internetstreife gibt es in Sachsen nicht.“ Der für Postsendungen zuständige Zoll hat auf eine Anfrage, wie der Böller-Versandhandel aus dem Ausland kontrolliert wird, bislang nicht reagiert.

Tatsächlich scheint der Kauf der illegaler Böller im Internet so einfach zu sein wie eine Shoppingtour bei Amazon. Wer die entsprechenden Namen der Böller bei Google eingibt, landet ohne größere Suche auf Verkaufsplattformen, die die gefährlichen Sprengsätze anbieten.

In Deutschland zugelassenes Feuerwerk basiert auf Schwarzpulver, in geringen Mengen. Hierzulande verbotene Pyrotechnik beinhaltet dagegen häufig eine Aluminiumverbindung als Satzmasse, die eine erheblich höhere Sprengkraft hat.

Diese Böller sind übrigens auch in Tschechien oder Polen verboten. EU-weit gilt, dass nur Feuerwerk mit einem CE-Prüfzeichen verkauft werden darf. Feuerwerke der Kategorie F1 dürfen in Deutschland das ganze Jahr abgebrannt werden. Das Abrennen von Feuerwerk der Kategorie F2 ist nur zu Silvester erlaubt. Böller der Kategorien F3 und F4 für besonders große Feuerwerke sind zwar nicht verboten, erfordern aber eine behördliche Erlaubnis und die Volljährigkeit. Bei illegalen Böllern fehlen diese Angaben aber meistens.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers "Gruppe Freital". Darin werden Taten, Strukturen und die Arbeit der Justiz bis hin zum Prozess beleuchtet und multimedial aufbereitet.


Tobias Winzer
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