Pyrotechnik ist kein Spielzeug

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de02.08.2017 Feuerwerk versetzt Ziegen in Panik

Schriesheim. Seine Ziegen waren genau auf Höhe des Feuerwerks, und ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Als am 21. Juli, einem Freitagabend, um 22.15 Uhr wieder Raketen über der Strahlenburg in den Himmel stiegen, brach unter den Tieren von Fridolin Scharm eine Panik aus. Der Elektrozaun der Weide wurde niedergerissen, einer Ziege gelang die Flucht.

Jetzt hat der Gartenbauer gegen die Veranstalter und den zuständigen Pyrotechniker des Feuerwerks Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Mannheim "wegen fahrlässiger Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" erstattet, eine Kopie des Schreibens liegt der RNZ vor.

Was wie eine Provinzposse klingt, hat für Scharm einen ernsten Hintergrund. Seine Ziegen sind gewissermaßen städtische Mitarbeiter: "Ich habe von der Stadt den Auftrag zur Pflege und Freistellung von Naturschutzfläche, und das mache ich durch Beweidung." Wegen der in diesem Sommer ungewöhnlich hohen Zahl von Feuerwerken in Schriesheim informiere er sich beim Wirt des Burg-Gasthofs auf der Strahlenburg und beim Ordnungsamt, wann er seine Ziegenherde in Sicherheit bringen muss.

"Das hat alles bisher wunderbar geklappt", sagt Scharm, "aber dieses Mal wussten weder der Wirt noch das Ordnungsamt Bescheid." Er sei sofort zur Weide geeilt, als die ersten Kanonenschläge zu hören waren, so der Gartenbauer, nur so habe er Schlimmeres verhindern und das geflohene Tier wieder einfangen können. "Wenn die ganze Herde von bis zu 20 Ziegen durchgeht, kann man sich ja vorstellen, was für ein Schaden entsteht", sagt Scharm. Der Pyrotechniker hätte ihn "im Sinne der Gefahrenabwehr bei der Berufsausübung" informieren müssen.

Die Stadt prüft bereits zusammen mit den zuständigen Behörden beim Landratsamt, ob die Zahl von Feuerwerken pro Jahr mit einer neuen Polizeiverordnung begrenzt werden kann. Bisher muss das bunte Spektakel nicht von der Verwaltung genehmigt werden, wenn es von einem professionellen und staatlich geprüften Pyrotechniker gezündet wird. Darüber informiert werden muss das Ordnungsamt jedoch.

Allein in der vergangenen Woche wurden in Schriesheim vier Feuerwerke abgebrannt, alle nach 22 Uhr. "Gegen ein oder zwei Feuerwerke im Jahr habe ich ja nichts", sagt Scharm, "aber die Tiere dreimal die Woche wieder von und auf die Weide bringen zu müssen kostet mich auch viel Zeit und Geld." Deswegen habe er sich für eine Anzeige entschieden, die Erfolgsaussichten sind offen.

Auch in der Schriesheimer Bevölkerung häufen sich derweil die Beschwerden wegen der Böllerei am Abend. Bei Hochzeiten und Geburtstagen wird oft Feuerwerk der "Klasse IV" mit großen Mengen an Schwarzpulver eingesetzt. Gerade für junge Familien seien die späten Explosionen am Himmel ein Problem, sagt Dominik Morast vom Ordnungsamt: "Da stehen die Kinder senkrecht im Bett." Auch Angestellte im Schichtbetrieb würden über Schlafmangel klagen. Im Schriesheimer Tal werden die Explosionen durch den Hall noch verstärkt. Ob die im Grundgesetz festgeschriebene Berufsfreiheit der Pyrotechniker jedoch eine Einschränkung erlaubt, muss ebenfalls noch geprüft werden.



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