Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

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de11.12.2012 DFB-Vizepräsident aus Thüringen lehnt Pyrotechnik ab

Am Mittwoch stimmen die 36 Profi-Fußballklubs über das umstrittene Sicherheitskonzept ab. Fußball-Fans befürchten Einschnitte.
Apolda. Rainer Milkoreit ist sich sicher: "Die Vereine werden das überarbeitete Konzept mit großer Mehrheit verabschieden", sagt der DFB-Vizepräsident aus Apolda. Er war wie seine Präsidiumskollegen über das umstrittene Papier "Sicheres Stadionerlebnis" informiert worden.


Nachdem ein erster Entwurf von den 36 Profiklubs im Oktober noch abgelehnt wurde, stimmen sie am Mittwoch auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) über modifizierte Sicherheitsrichtlinien ab. Das dürfte auch Auswirkungen auf die dritte Liga mit dem FC Rot-Weiß Erfurt haben.

Die Sonntagszeitung der FAZ sieht den deutschen Fußball in Frankfurt vor eine "Zerreißprobe". Das Fachmagazin "Kicker" fordert: "Die Liga muss die Kurve kriegen" und mahnt das Miteinander zwischen Funktionären und Fans an.

In der Debatte sind die Emotionen zuletzt hochgekocht. Unter dem Einfluss der Politik, die Drohkulissen wie die Kostenbeteiligung der Vereine an den Polizei-Einsätzen bei Spielen oder den Sicherheits-Euro aufbaute, kann sich die DFL kein erneutes Scheitern leisten. Ansonsten befürchtet der Ligaverband, seine Autonomie zu verlieren.

Am Montag erhöhte jedenfalls Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich noch einmal den Druck auf die Klubs: "Das Problem ist, dass einige Vereine das Thema nicht ernst nehmen. Es kann nicht sein, dass einige Vereine sagen: Gewalt im Fußball? Nie gehört!", sagte er.

Die Fans sorgen sich dagegen um den Erhalt ihrer Kultur, beklagen ein aufgebauschtes Gewaltproblem und wehren sich gegen weitere Repressalien und Regulierungswut. Über verschiedene Ligen und drei Spieltage hinweg bekundeten sie ihre Ablehnung erst mit stillem Protest in den Stadien und am Wochenende mit Demonstrationen in sieben Innenstädten.

Friedliche Kundgebungen, die auch Milkoreit registriert hat. Er glaubt jedoch, dass die meisten Anhänger die genauen Inhalte des neuen Sicherheitskonzepts gar nicht kennen. "Die strengeren Kontrollen muss jeder normale Fan ja eigentlich wollen - nach den ganzen Exzessen im letzten halben Jahr", sagt Milkoreit und meint: "Das Schlimmste wäre doch, wenn Zuschauer aus Angst vor Gewalt den Stadien in Zukunft fern bleiben."

Tatsächlich geriet in der überhitzten Diskussion und aufgrund mangelnder Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten zunehmend in den Hintergrund, worum es eigentlich geht.

Die strittigsten Punkte des Papiers sind: die verstärkte Videoüberwachung in den Stadien, um Straftäter besser identifizieren und verfolgen zu können, mögliche Ganzkörper-Kontrollen am Einlass, eine Kartenreduzierung für Gäste-Fans bei sogenannten Risikospielen und das strikte Verbot von Pyrotechnik.

"Es war ein Fehler, eine Diskussion über die mögliche Freigabe nicht von vornherein unterbunden zu haben", so Milkoreit. "Das hat bei der einen oder anderen Gruppe Hoffnung geweckt, die jetzt enttäuscht ist."

Der Thüringer hält nichts von der teilweisen Legalisierung der Pyrotechnik, deren Einsatz in den Fankurven immer wieder für Ärger sorgt: "Das ist viel zu gefährlich. Wir vertreten in dieser Sache eine Null-Toleranz-Politik", sagt er. Bengalo-Befürworter verweisen indes auf Gutachten, die ein kontrolliertes Abbrennen von Feuerwerkskörpern bestimmten Stadionberei- chen nach geltenden Gesetzen in Aussicht stellen.

Milkoreit glaubt, dass 99 Prozent der Zuschauer ohnehin keine Böller oder Rauchbomben benötigen, um gute Stimmung zu empfinden. Er hofft in diesem Zusammehang auf einen Selbstreinigungsprozess. "Je mehr den Krawallmachern die Meinung sagen, desto größer ist die Chance, dass sie es bald lassen", ist der 68-Jährige überzeugt. Leider gäbe es immer noch zu viele, die das Stadion nur als Bühne benutzen würden, um ihre Aggressionen auszuleben.

Obwohl die Polizei-Einsätze, selbst bei Drittliga-Spielen des FC Rot-Weiß Erfurt, immer größere Dimensionen erreichen und nicht fußball-affinen Menschen kaum noch zu vermitteln sind, ist Milkoreit gegen eine Kostenbeteiligung der Vereine: "Dann müssten die Veranstalter jedes Parteitages und jedes Volksfestes zur Kasse gebeten werden", sagt er. Allein die Sicherheitsvorkehrungen beim Castor-Transport würden mehr Geld verschlingen als jene für alle Spiele einer gesamten Bundesliga-Saison.

Unterdessen kam bei etlichen Vereinen der Vorschlag gut an, einen Teil der Fernsehgelder direkt in die Stadionsicherheit und Fanprojekte zu investieren.

Bleibt nur die Frage: Lassen sich die Problemfans überhaupt in den Fan-Häusern blicken?

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