Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

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ch07.10.2011 Bei Pyros den ganzen Sektor räumen

Nach der Schande vom Letzigrund fordert GC beim ersten Abfackeln einer Petarde, das ganze Stadion zu räumen.

Auch Thomas Grimm, Präsident der Swiss Football League, war schon an einem Fussballspiel mit Gewaltausschreitungen. Der Abend blieb ihm in lebhafter Erinnerung: «Das war das berühmt berüchtigte Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich, das Entscheidungsspiel der Meisterschaft, wo der FC Zürich mit einem Tor in der Nachspielzeit Schweizermeister wurde. Anschliessend stürmten die Basel-Fans das Spielfeld, es kam zu massiven Ausschreitungen.» Angst hatte Grimm keine, er sass auf der Tribüne, fern ab der Scharmützel. Doch Grimm war entsetzt über die Bilder, die er in jenem Mai 2006 im Basler St. Jakob-Park zu sehen bekam.

Nach den schlimmen Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende im Zürcher Letzigrund beim Derby zwischen GC und dem FCZ ist die Liga wieder gefordert. Nach einem Pyro-Angriff eines FCZ-Fans kam es auf den Zuschauerrängen zu schweren Krawallen, sechs Personen sind dabei verletzt worden. Inzwischen konnte einer der Petardenwerfer festgenommen werden. Diese schändlichen Szenen haben schweizweit für Entsetzen gesorgt und die Frage aufkommen lassen, wie man die Gewalt rund um Fussballspiele in den Griff bekommen kann.

Nur ein kleiner Teil, der Probleme macht

In einem Interview in der Sendung «Samstagsrundschau» auf DRS1 gibt Thomas Grimm zu, dass die bisherige Strategie des Verbands überdenkt werden muss: «Wir sind immer davon ausgegangen, dass wir die Gewalt ausserhalb der Stadien nicht im Griff haben, im Stadion selbst die Situation aber unter Kontrolle ist. Der Vorfall von Zürich hat nun das Gegenteil bewiesen. Wir haben bisher nicht damit gerechnet, dass es in den Stadien zu solchen Gewaltausbrüchen kommen kann.» Dabei beruft sich Grimm auf Statistiken, die ein solches Szenario nicht vorhersehbar gemacht hätten und kontert damit, dass die Swiss Football League viel Geld und Zeit in die Prävention gesteckt hat. Man habe intensiv die Diskussion mit den Fans gesucht und in diesem Bereich grosse Fortschritte gemacht.

Thomas Grimm rechnet in der Schweiz mit etwa 600 – 900 gewaltbereiten Fans, dazu kommen noch Sympathisanten. Insgesamt schätzt er die Szene auf 1 200 – 1 500 sogenannten Risikofans. «Das ist ein sehr kleiner Teil, der Probleme macht und den wir leider mit all unseren guten Ideen und Vorsätzen nicht erreichen können.» Doch genau dieser «kleine Teil» von Problem-Fans hält die Funktionäre auf Trab. Sie prügeln sich, randalieren und sind auch immer wieder dafür verantwortlich, dass Pyros angezündet werden, obwohl das in den Stadien eigentlich verboten ist. Die Clubs müssen vom Verband mit einer Bestrafung rechnen, sollten Uneinsichtige trotzdem in den Fankurven Feuerwerk anzünden. Unlängst hat die Football League aber die Busse, die von den Clubs bezahlt werden muss, gesenkt. Grimm begründet den Entscheid damit, dass er den Frust und die Wut der Clubs, immer wieder hohe Bussen bezahlen zu müssen, verstehen kann: «Bei jedem Spiel gibt es einen Inspektionsbericht, wo unter anderem auch die Eingangskontrolle beurteilt wird. Obwohl die Eingangskontrolle meist sehr gut ist, gelingt es den Fans immer wieder 25 – 40 Pyros reinzuschmuggeln. Werden die dann gezündet wird der Club bestraft, obwohl man ihm zuvor attestiert hatte, eine sehr gute Kontrolle beim Einlass durchgeführt zu haben.»

Man muss die friedlichen Zuschauer schützen

Für den scheidenden Liga-Präsidenten steht fest, dass etwas gegen das Problem der Pyros gemacht werden muss. Vom Vorschlag des Zürcher Grasshopper Clubs hält er hingegen wenig. Wie die Stadt Zürich verlangt der Verein einen kompletten Spielabbruch bei einem Pyro-Einsatz und will somit eine Politik der Nulltoleranz verfolgen. Ein entsprechendes Begehren ist bereits bei der Liga eingereicht worden. Grimm hält wenig von dieser Idee: «Der Vorschlag von GC ist zu radikal und wird keine Chance haben», sagt er im Interview. Die wenigen Chaoten, die Feuerwerk abbrennen, dürften nicht die Macht bekommen über einen Spiellabbruch zu entscheiden. Viel eher schlägt er eine partielle Sektorräumung vor. Sollten Petarden gezündet werden, würden die Fans zuerst über die Stadionlautsprecher verwarnt werden. Bei einem weiteren Abbrennen von Pyros, so der Vorschlag von Grimm, sollte dann der ganze Sektor, in dem das verbotene Feuer gezündet wurde, geräumt werden. Dies würde allerdings gewisse sicherheitstechnische Probleme mit sich bringen und die Sicherheitskräfte vor eine grosse Herausforderung stellen. «Eine solche Sektorenräumung könnte ohne Mithilfe der Polizei nicht stattfinden», ist Grimm überzeugt.

Das wichtigste und oberste Ziel der Liga und auch von Grimm selbst, ist klar formuliert: «Man muss die 99.9 Prozent friedlichen Zuschauer schützen und darf sie nicht ein paar Chaoten oder Idioten ausliefern, die nur ins Stadion kommen, um ihre Frustration rauszulassen und sich gar nicht für das Spiel interessieren. Zum jetzigen Zeitpunkt können sie dies aber immer noch, da die Chance, sie zu erwischen, relativ klein ist», sagt Grimm gegenüber DRS1. Um die Fans in die Schranken zu weisen und die Gewaltausbrüche aus den Schweizer Stadien zu verbannen, sind Rezepte gefragt, die auf einer Zusammenarbeit zwischen Verband, Polizei und Fans basiert, glaubt Grimm. Die Zukunft sieht er aber nicht nur positiv: «Wir werden wohl nie ein Fussballspiel haben ohne eine gewisse Polizeipräsenz.»


Simon Beeli
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