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de02.11.2011 Böllern – Brauch oder Unsitte?

Böllern – das beschränkt sich in manchen Gemeinden nicht nur auf die Neujahrsnacht. In Münstertal zum Beispiel. Doch nun muss die Gilde der Böllerschützen kürzer treten. Das hat der Gemeinderat beschlossen.

MÜNSTERTAL. Als lautstarkes Begrüßungsritual sind sie gedacht – die Böllerkracher von Kaliber 14 bis 50. So geschehen in den vergangenen vier bis fünf Jahren, als die junge Formation der Böllerschützen – eine Unterabteilung des Schützenvereins Münstertal – mehrfach Anlässe recht lautstark einleiteten. Den Neujahr-Nachmittag nahmen die "Belchenkracher" – wie sie im Volksmund bald genannt wurden – ebenso ins Visier wie das Laurentiusfest Ende Juli oder den Weihnachtsmarkt Anfang Dezember.

Echo-Böllern – eine Münstertäler Spezialität

Dabei bekamen die vier einheimischen Böllerer auch Unterstützung durch Gleichgesinnte aus mehreren Breisgau-Gemeinden. Das Münstertal – so die Aussage der Böllerschützen – eignet sich durch seine Talenge und seine steilen Berghänge ganz ausgezeichnet für ein Echo-Böllern. So etwas ging am Neujahrstag des Jahres 2009 erstmals über die Naturbühne des Tales und fand im wahrsten Sinne des Wortes ein weitreichendes Echo im Tal und bei den Menschen.

Im Talzentrum hatten sich auf den Anhöhen von Laisacker, Köpfle und Eichboden in jeweils etwa 500 Metern Höhe anderthalb Dutzend Böllerschützen postiert, um ein so genanntes Echo-Böllern – langsame und schnelle Reihenfeuer mit mehrfachem Widerhall – zu erzeugen. Jetzt war das Thema "Böllern im Münstertal" sogar Tagesordnungspunkt in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Es sind nicht die Wasserdampfwölkchen, die den Kanonen, Hand- und Schaftböllern entweichen, welche zunehmend den Unmut von Mitbürgern erregen. Deren Einwände ranken sich ganz eindeutig um die "laute Knallerei", die selbst von Ratsmitgliedern kritisch bewertet wird als etwas, "das kein Mensch braucht".

Schwerlich wegzudiskutierender Kritikpunkt ist die Tatsache, das Böllerschüsse während der offenen Weidezeit für die im Freien weilenden Tiere eine außergewöhnliche Stress-Situation bedeutet und für Tier und Mensch recht gefährlich sein können. Ähnliches gelte auch für das Böllern am Neujahrstag, "nachdem sich die Tiere gerade erst vom nächtlichen Feuerwerk erholt haben", heißt es in der Vorlage der Verwaltung, welche mehrere negative Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten hat. Deshalb habe die Gemeinde die zunehmenden privaten Anfragen zum Abbrennen von Feuerwerken über die Sommermonate bisher schon abgelehnt, sagte Bürgermeister Ahlers.

Kontroverse im Gemeinderat

Die Meinungen im Rat gingen weit auseinander. Eine "übertriebene Reaktion" meinen die einen, "alles abschaffen" sagen andere. Wie Gemeinderat Markus Herbener geschichtlich darlegte, sei das Böllern im Tal eine alte Tradition und kein Kind der letzten fünf Jahre, wie in Pfarrer Strohmeyers Tagebuch (1909 bis 1945) nachgelesen werden kann. Damals schien die Böllerei jedoch begrenzt auf den Tag des alljährlichen Trudpertfestes. Diesen Tag hielt Strohmeyer am 29. April 1912 erstmals fest mit den Worten: "Morgens ½ 5 Uhr versetzte uns eine Böllersalve, abgegeben vom alten treuen Reinhold Riesterer, in festliche Stimmung". Und im Kriegsjahr 1915 vermerkte der Pfarrherr am 2. Mai: "Die Böller weckten diesmal nicht, da wegen der Kriegszeit das Schießen unterblieb". Als alles vorbei war, hält Stromeyer am 3. Mai 1921 fest: "Am Morgen früh weckte uns ein dröhnendes Festtagsschießen, das erste Mal wieder seit Jahren. Beinahe wären die "Katzenköpfe" eingerostet."

Sehr positiv kann der St. Trudperter Pfarrer am 4. Mai 1926 schreiben: "Alter Tradition gemäß beging man am gestrigen Sonntag das Trudpertfest. Böllerschüsse verkündeten den Tag, dem prächtiges Wetter beschieden war". Strohmeyers letzter Eintrag vom 28. April 1942 lautet kurz und knapp: "Keine Musik, keine Vereine, keine Böllerschüsse wie früher".

Vielleicht können Gemeinde, Einwohner und Böllerschützen wieder anknüpfen an die tatsächlich alte Tradition des Böller-Weckrufes am Morgen des Trudpertfestes. Vorläufig bleibt es – so hat der Gemeinderat mit 9 zu 3 Stimmen beschlossen – beim einzigen Böller-Anlass im Jahr, und das soll der Vorabend des Laurentiusfestes Ende Juli sein.


Manfred Lange
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