Pyrotechnik ist kein Spielzeug

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de07.06.2012  Bielefeld - 1519 Ostwestfalen dürfen zu Hause Schwarzpulver lagern

Bielefeld (WB). In Ostwestfalen-Lippe sind mehr Sprengstoffe in privater Hand als allgemein angenommen. Mehr als 1500 Menschen haben die Erlaubnis, bei sich zu Hause bis zu drei Kilogramm Schwarzpulver zu lagern. Außerdem gibt es 18 kommerzielle Sprengstoffdepots in der Region – Nach der Explosion in Bielefeld: Ermittlungen gegen Freizeit-Pyrotechniker
»Schwarzpulver erzeugt eine enorme Druckwelle. Wenn drei Kilogramm im Keller explodieren, kann ein Haus zusammenstürzen«, sagte gestern Sprengmeister Hans Vieth aus Bielefeld. Er ist seit 30 Jahren im Geschäft und hat schon mehr als 100 Industrieschornsteine gesprengt.

 Bis zu einem Kilogramm Schwarzpulver dürfen die Genehmigungsinhaber im eigenen Haus aufbewahren. Die Sprengstoff-Lagerrichtlinie 410 nennt etwa Keller, Dachboden und Abstellräume als mögliche Lager, aber auch Bad und Toilette, wenn Fenster vorhanden sind, durch die eine Druckwelle entweichen kann. In unbewohnten Nebengebäuden dürfen sogar drei Kilogramm aufbewahrt werden.
Lt. Auskunft der Genehmigungsbehörden haben 1519 Bürger in Ostwestfalen die Erlaubnis, Schwarzpulver zu kaufen und zu lagern. Dietmar Schlüter, Sprecher der Stadt Bielefeld: »Es handelt sich vor allem um Schützen, die das Schwarzpulver für ihre Vorder- und Wiederlader benötigen.« Ihnen ist nach Paragraph 27 des Sprengstoffgesetzes eine Erlaubnis erteilt worden, nachdem sie einen Lehrgang absolviert und die Notwendigkeit begründet haben, etwa mit der Brauchtumspflege. So wird die hohe Zahl der Genehmigungen im Kreis Minden-Lübbecke darauf zurückgeführt, dass es dort Vereine gibt, die Schlachten nachstellen und mit Vorderladern und Kanonen schießen.

»Schwarzpulver ist hochexplosiv«, so Hans Vieth. »Der Funken eines Nylonhemdes kann ausreichen, um das Zeug zu zünden.« Deshalb werden Schwarzpulverbesitzer von den Behörden überwacht. Jan Focken, Sprecher beim Kreis Gütersloh: »Genauso, wie wir Waffenbesitzer überprüfen, kontrollieren wir auch Bürger, die Schwarzpulver lagern.«

Nicht kontrolliert werden dagegen die Häuser von Hobby-Pyrotechnikern, die nach einer entsprechenden Ausbildung die Erlaubnis haben, professionelles Feuerwerk abzubrennen. Von ihnen gibt es in Ostwestfalen-Lippe ein gutes Dutzend. Sie dürfen nur soviel Feuerwerk kaufen, wie sie für die nächste Veranstaltung benötigen, und sie dürfen die Pyrotechnik auch nur in den Tagen vor dem Einsatz bei sich zu Hause aufbewahren. Da sie also keine Lagererlaubnis haben, wird bei ihnen auch nicht nachgesehen. Deshalb war dem Ordnungsamt Bielefeld auch nicht bekannt, was der 42-jährige Hobby-Pyrotechniker im Keller seines Hausanbaus lagerte. Die »Ermittlungskommission Pyro« versucht das jetzt zu rekonstruieren. Sie hat Unterlagen in dem schwerbeschädigten Haus sichergestellt, die sie jetzt auswertet.

Im kommerziellen Bereich sieht die Kontrolle ganz anders aus. Eckard Hennewig, Hauptdezernent für Technischen Arbeitsschutz bei der Bezirksregierung in Detmold: »In Ostwestfalen-Lippe gibt es 18 gewerbliche Lager für Sprengstoff und Pyrotechnik.« Sie unterlägen höchsten Sicherheitsanforderungen und würden regelmäßig kontrolliert. 60 streng überprüften Antragstellern habe man erlaubt, in Ostwestfalen-Lippe eine Firma für Spreng- oder Pyrotechnik zu betreiben. »Der Umgang mit den Stoffen ist diesen Leuten damit aber noch nicht gestattet«, sagte Hennewig. »Dafür braucht man einen Befähigungsschein, der zum Umgang mit explosiven Stoffen berechtigt.« Diesen Schein besäßen in Ostwestfalen 250 Menschen, die zumeist bei entsprechenden Firmen arbeiteten.


Christian Althoff
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