Pyrotechnik ist kein Spielzeug

Stille Nacht

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de05.11.2012 Eine kleine Geschichte der Pyrotechnik in Deutschland: Am Anfang war das Feuer

»Borussia erobert Rom«, sagt Volker Rehdanz. Wie bitte? Volker, der vor zwanzig Jahren das erste Borussia-Dortmund-Fanzine herausgegeben hat, hat sich gerade erst ein wenig über Ultras aufgeregt, dann über die Leute, die sich über Ultras aufregen, oder zumindest über das, was heute jeder mit den Ultras verbindet, also Pyrotechnik. »Ich weiß gar nicht, was die alle haben«, hat Volker gegrummelt, »früher war’s doch viel schlimmer.« Und auf die Frage, was genau er damit meint, sagt er bloß: »Borussia erobert Rom.«

Im März 1995 hatte Volker beim UEFA-Cup-Spiel zwischen Lazio Rom und Borussia Dortmund ein Foto von der Gästetribüne gemacht, die ganz in den Schein bengalischer Fackeln getaucht war. Er ließ das Bild als Poster drucken, schrieb »Borussia erobert Rom« darüber und verteilte es unter den Fans. »Zu der Zeit war doch alles voller Bengalos«, sagt er. »Lange vor den Ultras.« Und dann regt er sich noch ein bisschen mehr auf, über Leute, die sich zu Dingen äußern, von denen sie keine Ahnung haben.

Doch selbst die, die Ahnung haben, benutzen oft Ausdrücke, die in die Irre führen. Das konnte man 1991 noch verzeihen, als bestimmte Formen der Pyrotechnik recht neu waren. Da stand ZDF-Reporter Dieter Kürten auf dem Rasen des Fritz-Walter-Stadions in Kaiserslautern, konnte die Tribünen nicht mehr sehen und stammelte: »Nebelbomben sind in das Stadion geflogen.« Er meinte entweder Rauchgranaten oder Nebeltöpfe, hatte aber eh unrecht, denn erstens war gar nichts von außerhalb ins Stadion geschossen worden, zweitens waren die dichten Rauchschwaden darauf zurückzuführen, dass in der Westkurve 100 bengalische Feuer abbrannten.

Doch noch zwanzig Jahre nach Kürtens Wortfindungsstörungen, mitten in einer hitzigen Dauerdebatte über Pyrotechnik, protokollierte die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« eine Pokalnacht in Frankfurt, schrieb von einer »Bedrohung durch Pyrotechnik« und berichtete, ein Polizeipferd habe »Verbrennungen« davongetragen, »als es mit Leuchtspurmunition beschossen« worden sei. Das ist nun ein Begriff, den selbst hochrangige Fanbeauftragte regelmäßig in den Mund nehmen – leider etwas leichtfertig. Denn bei Leuchtspurmunition handelt es sich um normale, scharfe Munition, die einen kleinen entflammbaren Aufsatz hat, damit die Flugbahn des Geschosses sichtbar wird. Nun könnte es natürlich sein, dass an jenem Tag in Frankfurt tatsächlich jemand mit einem Maschinengewehr oder einem Kampfpanzer auf das Pferd angelegt hat. Allerdings hätte sich das treue Tier dann nicht bloß Verbrennungen zugezogen.


Was also meinen wir überhaupt, wenn wir von Pyrotechnik sprechen – und seit wann finden wir sie in deutschen Stadien? In Abwandlung eines alten Schülerspruchs könnte man sagen: Pyro ist, wenn’s knallt und brennt oder raucht und stinkt. Denn lange vor den bengalischen Fackeln, um die es heute meistens geht, gab es ganz andere Arten von Feuerwerk auf den Rängen, mit ganz anderen Absichten. So waren in den achtziger Jahren Silvester- und Leuchtraketen und die als »Vogelschreck« bekannten Knallpatronen ebenso verbreitet wie Rauchgranaten und Wunderkerzen. Dabei wurden aber nur Letztere der Atmosphäre wegen eingesetzt, die anderen Utensilien dienten gefährlicheren Zwecken. Denn alles, was einigermaßen weit fliegen kann, wurde von Hooligans benutzt, um entfernte Blöcke anzugreifen. Das konnten einfache Steine sein, aber eben auch pyrotechnische Geschosse.

Ein interessanter Sonderfall waren die Rauchgranaten, die sich nicht weit werfen ließen. Schon auf Fotos aus den Achtzigern kann man sehen, dass die meisten Fans in der Nähe eines solchen Nebeltopfes sich Schals ums Gesicht gebunden haben. Das geschah aber nicht der Vermummung wegen, sondern aus Selbstschutz: Der beißende Qualm der Rauchgranaten griff die Atemwege an, und ihr Gestank war nicht auszuhalten. Deswegen wurden sie im Normalfall rasch auf die damals noch weit verbreiteten Tartanbahnen geschleudert. Lange Zeit dienten die Rauchgranaten also weder als Angriffswaffen noch als Stimmungsmacher, sondern waren eigentlich nur für Randale zu gebrauchen.

Schon im Jahr 1967 segelten bei einem Europapokalspiel zwischen Bayern München und dem portugiesischen Verein Vitoria Setubal mehrere Nebeltöpfe auf den Rasen und erzwangen eine Spielunterbrechung. Man ist geneigt, dies den Gästen aus Südeuropa anzulasten, doch erstens dürften sich damals nur wenige Portugiesen auf die weite Reise gemacht haben, zweitens zündelten auch die Deutschen schon immer gerne: 1960, beim Europacup-Halbfinale gegen die Glasgow Rangers, bat der Stadionsprecher im Frankfurter Waldstadion die Eintracht-Anhänger, keine Raketen mehr abzuschießen, weil es schon zu kleineren Waldbränden gekommen sei. Ein Augenzeuge verglich das Stadion mit dem »Krater eines Vulkans« und erwähnte »Rauchschwaden, Leuchtkugeln« und sogar »bengalisches Feuer«. Das aber könnte eine weitere sprachliche Ungenauigkeit sein, denn die kamen erst viel später in deutsche Stadien.

Den Beginn dessen, was man heute unter »Pyro« versteht, also bengalische Feuer und Verwandtes sowie farbigen Rauch, lässt sich für Deutschland vermutlich auf den Tag genau datieren, nämlich auf den 2. August 1985. An jenem Freitagabend wurde auf dem Betzenberg in Kaiserslautern das verspätete Ablösespiel für Hans-Peter Briegel ausgetragen, der ein Jahr davor zu Hellas Verona gewechselt war. »Bei diesem Spiel ging es zum ersten Mal rund mit dem ganzen Kram«, erinnert sich der Fußballhistoriker und Memorabilia-Experte Hagen Leopold, der schon in den siebziger Jahren eine FCK-Dauerkarte besaß. »Zum Teil hatten die Italiener das Zeug mitgebracht.« Aber nur zum Teil, denn bereits im Laufe der vorhergehenden Saison waren immer wieder Lauterer Fanklubs über den Brenner gefahren, um den »Pfälzer Bub« Briegel in Verona zu sehen, wo Hobbyfeuerwerker bereits zu jener Zeit Hochkonjunktur hatten. »Die FCK-Fans haben das gesehen, fanden es geil und haben geschaut, wie sie die Sachen mit nach Hause bringen können«, sagt Leopold. Zu den »Sachen« gehörte auch eine neue Generation von Rauchgranaten, nämlich solche, die farbigen Qualm produzieren. Mit denen sorgten die Italiener nicht einfach für Krawall, sondern nutzten sie, um zum Beispiel die Vereinsfarben choreografiert in den Himmel zu schicken.

Übrigens importierten die Pfälzer Anhänger nicht nur pyrotechnische Elemente aus Italien: Beim erwähnten Spiel gegen Verona sah man auch zum ersten Mal in einem deutschen Stadion eine gigantische Blockfahne, die von den Fans in Zusammenarbeit mit der saarländischen Brauerei Karlsberg produziert worden war. Spektakulärer aber war natürlich die Pyrotechnik, die dank der Verona-Connection original italienisch war und bei besonderen Spielen zum Einsatz kam. In jener Zeit eskalierte zum Beispiel die Rivalität zwischen Kaiserslautern und Mannheim, weil Waldhof ins Südweststadion nach Ludwigshafen ausgewichen war, also ausgerechnet im Vorderpfälzer FCK-Land spielte. »Das alte Stadion hatte hinten eine abfallende begrünte Böschung«, sagt Leopold. »Da wurden die Sachen Tage vor dem Spiel in wasserdichten Plastikbehältern vergraben. Die Lauterer sind durch die Einlasskontrollen spaziert, haben dann die Dinger aus dem Grün geholt und standen voll aufgerüstet im Block.«

Die bunten Rauchpatronen müssen relativ schnell Verbreitung gefunden haben. Beim DFB-Pokalfinale 1987 zwischen dem Hamburger SV und den Stuttgarter Kickers kamen kurz vor dem Anpfiff gleich mehrere Nebeltöpfe aus dem HSV-Block geflogen, welche die Ränge links vom Berliner Marathontor in orangenen Qualm hüllten. ARD-Kommentator Jochen Sprentzel sprach von »Szenen, wie wir sie nicht erleben wollen«, es waren aber im Grunde Szenen, wie sie in den Achtzigern an der Tagesordnung waren. Mit dem feinen Unterschied, dass nun nicht mehr nur die profanen Rauchgranaten aus Bundeswehrbeständen benutzt wurden, die bloß weißen oder grauen Qualm produzierten.

Bei bengalischen Fackeln hingegen besaßen die Lauterer offenbar einen logistischen Vorteil gegenüber den anderen Vereinen, denn erst in der Saison 1990 / 91 wanderten sie den Rhein hinauf und tauchten vermehrt in Städten wie Düsseldorf oder Duisburg auf, wo die Aufstiegssaison des MSV untrennbar mit rotem Feuerschein auf den Rängen verbunden ist. Führend war allerdings weiterhin der FCK, wie ganz Deutschland spätestens am 6. November 1991 sehen konnte. Das war jener legendäre Abend, als die Lauterer um ein Haar den FC Barcelona aus dem Meisterpokal geworfen hätten. Für Freunde des gepflegten Feuerwerks ist die Partie aber in die Geschichte eingegangen wegen der Pyroshow vor dem Anpfiff, als die komplette Westtribüne in Flammen zu stehen schien.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte sollte man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Leute, die seinerzeit Bengalos in die Höhe reckten, keine Ultras waren, denn die gab es in Deutschland noch nicht. »Das waren Kuttenfans, Hools und auch ganz normale Zuschauer«, sagt Volker Goll, der heute bei der Koordinierungsstelle Fanprojekte arbeitet und damals das Kickers-Offenbach-Fanzine »Erwin« herausgab. »Bei uns am Bieberer Berg war das ein Massenphänomen, da hat auch die Sitztribüne mitgemacht. Es diente aber immer nur dem Support. Zu jener Zeit hatte es nichts mit dem Reiz des Verbotenen zu tun, denn Pyro wurde ja geduldet.« In der Tat waren Klubs und Kommunen unschlüssig, wie sie auf das neue Phänomen reagieren sollten. Der DFB untersagte Pyrotechnik in seiner Musterstadionordnung erst nach der Jahrtausendwende, und nicht wenige Klubs standen der Sache zunächst sogar positiv gegenüber.

Die Kickers zum Beispiel druckten ein Foto vom bengalischen Lichtermeer auf ihre Eintrittskarten und warben mit dem Slogan »Der Berg brennt« für eine Art Pyro­tourismus. Goll sagt: »Ich weiß noch, Fans der Bayern Amateure kamen und sagten: ›Wir haben gehört, hier brennt’s immer so schön, das wollten wir uns mal anschauen. Dann machen wir das jetzt auch.‹« Und in Nürnberg, wo Pyro um 1989 von Groundhoppern eingeführt worden war, durften die Fans nach Absprache mit dem Verein während der gesamten Rückrunde 1991/92 auf der Aschenbahn vor der Nordkurve zündeln: Etwa zwanzig Leute standen dort und hielten Handfackeln hoch. »Die Seenotlichter der Firma Comet waren Gefahrenklasse 2 und somit ganzjährig frei erhältlich«, erinnert sich Heino Hassler, der bei diesem kontrollierten Abbrennen dabei war und jetzt Fanbeauftragter beim Club ist.

Einem heutigen jüngeren Fan ist nicht nur die unaufgeregte, gar latent befürwortende Haltung der Vereine schwer begreiflich zu machen, sondern auch der schiere Umfang der Pyrotechnik, zumindest in den Hochburgen Kaiserslautern, Offenbach und Dortmund. In der UEFA-Cup-Saison 1992 / 93 nahm die Zahl der BVB-Bengalos mit jeder Runde zu, bis mehr als 80 Fackeln gleichzeitig auf der Südtribüne brannten. So berühmt war das Westfalenstadion für seine Bengaloshow, dass es auch hier Pyrotouristen gab. Wie zum Beispiel den Bayer-Leverkusen-Fan Marco Bertram, der heute als Onlinejournalist arbeitet und für das Webmagazin turus.net über Pyrotechnik in den Neunzigern geschrieben hat. »Mein erstes Auswärtsspiel mit Bayer war in Dortmund, und da haben wir uns gleich in die Südtribüne verliebt«, sagt er. »Wir sind dann zu guten Spielen nach Dortmund gefahren und haben uns mitten in den berühmten Block 13 gestellt.«

Daheim in Leverkusen nahm Bertram kleinere Sachen mit, wenn er ins Stadion ging: »Silvesterknaller, Goldregen, Wunderkerzen, Mini-Bengalos – so etwas hat man sich einfach in die Jackentasche gesteckt. Bei den Kontrollen interessierte es ja auch keinen, das waren kleine Kaliber.« Doch in Dortmund brannten richtige bengalische Fackeln, von denen viele Fans gar nicht wussten, wo man sie überhaupt erwerben konnte – es gab ja noch kein Internet. »Bei manchen Spielen war es unglaublich voll auf der Süd«, sagt Bertram, »und da hat man gehofft, dass nicht unbedingt direkt neben einem solch ein Bengalo gezündet wurde. Denn es war so eng, dass man nicht ausweichen konnte.«

Ob und wie oft damals tatsächlich etwas passiert ist, lässt sich schwer feststellen. »Ich denke schon, dass es gegen Ende hin öfter mal Brandverletzungen gegeben hat«, sagt FCK-Fan Leopold. »Schon allein, weil auch der Alkohol noch ins Spiel kam. Aber generell wird die Gefahr größer gemacht, als sie ist. Der Witz ist, dass ich 1994 vom Stehplatz auf die neue Nordtribüne gewechselt bin. Und beim ersten Spiel, das ich dort gesehen habe, hat mir jemand mit einer Zigarette ein Brandloch ins Sakko gesengt. In all den Jahren mit den Bengalos auf der Westtribüne war mir das nicht passiert!«

Ungefähr zu dieser Zeit, Mitte bis Ende der Neunziger, wurde den Vereinen die Sache im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß. Nach und nach untersagten sie alle Formen von Pyrotechnik. Vielleicht hatte das auch mit einem Zwischenfall im September 1995 zu tun, der hohe Wellen schlug: Bei einem Spiel zwischen St. Pauli und Rostock verletzte ein aus dem Hansa-Block geworfener pyrotechnischer Gegenstand den Linienrichter und den St. Pauli-Keeper Klaus Thomforde.

Schließlich verschwanden die Bengalos sogar aus dem Stadion, aus dem sie gekommen waren – Kaiserslautern. Aber offenbar vermisste man den roten Schein auch beim Klub selbst. Denn als Fans im September 2000 Unterschriften sammelten, um ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik zu erreichen, reagierte der FCK schnell. Aber falsch. Der Verein ließ rote Strahler unters Dach montieren und fuhr mobile Nebelmaschinen vor die Westtribüne, um das alte Bengalo-Feuer künstlich zu simulieren. Das war dem Lauterer Anhang unangenehm noch bevor Gästefans über »Rheumalampen« spotteten, und so stellte der FCK auf Druck seiner Zuschauer die »Discobeleuchtung« später wieder ein.

Doch irgendwie schloss sich damit auch ein Kreis. Denn viele Jahre zuvor hatte sich der 1. FC Kaiserslautern schon einmal mit mäßigem Erfolg als Pyroklub versucht. Das war am 3. November 1982, einem trüben Mittwoch. Der Betzenberg, auf dem der SSC Neapel gastierte, war in dichten Nebel getaucht. Fünf Minuten vor der Pause griff der Verein zu drastischen Maßnahmen. Einige Mitarbeiter des FCK stellten jeweils sieben bis acht Wachsfackeln hinter die Tore und zündeten sie an, während andere Holzscheite in Feuerkörbe aus Draht schaufelten und in Brand steckten. Die Flammen, so der Plan, würden den Nebel vertreiben. Als die Zuschauer das mitbekamen, hielten sie Feuerzeuge an ihre Stadionhefte und reckten die brennenden Programme als Billig-Bengalos in den Abendhimmel. Die Feuer-Show fand ein abruptes Ende, als die Neapolitaner sich anfangs der zweiten Hälfte beim Schiedsrichter über den Rauch beschwerten. So beendeten – welche Ironie! – ausgerechnet Italiener den frühesten dokumentierten Fall von organisierter Pyrotechnik in einem deutschen Stadion.


Uli Hesse
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