Pyrotechnik ist kein Spielzeug

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de29.12.2012 China dominiert das Geschäft mit den Böllern

Nur an drei Tagen im Jahr dürfen die Feuerwerkshändler ihre großen Knallkörper verkaufen. Trotzdem machen sie einen Umsatz von 115 Millionen Euro. Nun drängen die chinesischen Hersteller auf den deutschen Markt.

Düsseldorf/Berlin - Von wegen Weltpremiere des „Hobbits“ oder Verkaufsstart des neuen Apple-Flagschiffs: In Deutschland haben in der Nacht zu Freitag hunderte Menschen in Schlangen bis zu sechs Stunden in der Kälte ausgeharrt. Alles, damit es es Silvester richtig kracht: Die Feierfreudigen warteten vor den Verkaufsstellen für Silvesterböller, etwa vor den Türen der Firma Weco bei Bonn, die direkt ab Lager verkauft.

Der Umsatz der Branche werde wohl wie im Vorjahr bei rund 115 Millionen Euro stagnieren, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Pyrotechnischen Industrie VPI, Klaus Gotzen. Im Trend liegen demnach wie auch zum Jahreswechsel 2011/2012 die Batterien. Sie machen mittlerweile 25 bis 30 Prozent des Umsatzes aus.

Doch der Ausdruck „China-Kracher“ kommt nicht von ungefähr. Die Branche hat längst massive Konkurrenz aus Fernost. Das Geschäft wird von den Fabriken in der Volksrepublik dominiert. Die Stadt Liuyang in der südchinesischen Provinz Hunan etwa darf sich mit ihren zahlreichen Böller-Betrieben sogar offiziell „Welthauptstadt des Feuerwerks“ nennen.

Feuerwerkskörper produziert kaum noch eine deutsche Firma selbst. Der Großteil der europäischen Unternehmen ist aus dem Markt gedrängt oder beschränkt sich mittlerweile allein auf den Handel, etwa die deutschen Anbieter Comet aus Bremerhaven und Keller aus Wattenscheid. Allein der Nordrhein-Westfale Weco ist übrig geblieben - als nach eigenen Angaben weltweit einziger Massenhersteller von Knallern und Böllern außerhalb von China.

Und auch Weco lässt immerhin 60 Prozent in China produzieren. Laut der „Welt“ soll dieser Anteil aber wieder wachsen.

Außerdem schwierig für die Branche: Der Verkauf von Krachern, Raketen und Böller-Batterien ist hierzulande streng reglementiert. Feuerwerk darf in Deutschland frühestens nach drei Sekunden in die Luft gehen. Rund 36 Prozent aller Feuerwerksartikel sind an dieser und den weiteren Zulassungshürden der BAM gescheitert. Forscher überprüfen zudem die Sicherheit von Verpackung, Anzündmittel und die Eigenschaften der Knallkörper vor, während und nach der Explosion.

In „Polenböllern“ ist industrieller Sprengstoff enthalten

„Wenn ich Feuerwerk in Deutschland veräußern will, brauche ich dafür eine Identifikationsnummer der BAM“, sagt Pyrotechnikexperte Christian Lohrer. 165 neue Artikel der Kategorie F2 - diese sind für Kinder verboten - wurden in diesem Jahr bei BAM neu registriert.

Einige davon verkauft auf die Bonner Firma Weco. Auf dem Testgelände in Eitdorf probiert das Unternehmen regelmäßig neue Produkte aus. Dort knallt's also auch jenseits der heißen Phase am Jahresende.

Deutschland gilt europaweit als Land mit besonders strengen Kontrollen, weshalb einige Hersteller von Wettbewerbsverzerrung sprechen. In Tschechien und den beiden Prüfstellen in Polen sei es häufig viel einfacher, eine Zulassung für einen Knaller zu bekommen.

Theoretisch darf fast jeder Einzelhändler in Deutschland Böller und Raketen verkaufen, allerdings nur, wenn die Unternehmen das mindestens zwei Wochen vor dem Verkaufsstart bei den Behörden anmelden. Und auch dann ist das nur vom heutigen Freitag bis Silvester. Feuerwerke dürfen stets nur vom 29. Dezember bis zum 31. Dezember jeden Jahres verkauft werden. Ist einer dieser Tage wie in diesem Jahr ein Sonntag, darf bereits ab dem 28. Dezember verkauft werden. Diese Einschränkung gilt auch für die Werbung: Die Artikel dürfen nur an diesen drei Tagen beworben werden.

Legal erworbene Silvesterknaller werden indes auch nicht ganz so laut und kraftvoll explodieren wie illegale Produkte. In Deutschland unterliegen alle pyrotechnischen Gegenstände dem Sprengstoffgesetz. Darin ist auch eine Begrenzung der Lautstärke festgelegt.
Die sogenannten Polenböller hätten natürlich „einen größeren Wumms“, sagt der Geschäftsführer des Verbands der pyrotechnischen Industrie, Klaus Gotzen. Zoll und Polizei versuchten aber im grenznahen Gebiet, die Einfuhr der illegalen Knaller zu unterbinden.
Der bevorstehende Knallspaß wurde in Mecklenburg-Vorpommern bereits vorab getrübt - ein Mann starb nach Polizeiangaben an den Folgen seiner Verletzungen durch eine Explosion eines sogenannten Polenböllers - also eines Krachers, dessen Kauf in Polen erlaubt, hierzulande aber verboten ist.

Der 51-Jährige habe bereits vor einigen Tagen zu Hause das Feuerwerk in seiner Hand gezündet. Seine Verletzungen an den Fingern habe er nur notdürftig versorgt - einen Tag später sei er tot in seiner Wohnung in Torgelow (Vorpommern-Greifswald) gefunden worden. Die Obduktion ergab, dass der Mann verblutet war.

Spenden statt Böller

Jährlich warnen daher Verbraucherzentralen, Politiker und Polizei vor dem Kauf von unzulässigen Böllern und vor unvorsichtigem Gebrauch.
In den „Polenböllern“ ist laut Branchenvertreter Gotzen „oft industrieller Sprengstoff drin. Der hat eine viel stärkere Wirkung und kann deshalb zu schwersten Verletzungen führen“, sagte er der Zeitung „Bild“:
Vielerorts wird indes vor dem Kauf von nicht zugelassener Ware gewarnt. Das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) etwa wies darauf hin, auf Sicherheitshinweise wie aufgedruckte Nummern der BAM oder auf eine CE-Zertifizierungsnummer zu achten.
Der Verkauf von zugelassenen Böllern ist vom 28. bis 31. Dezember erlaubt. Handelsübliches Feuerwerk der Kategorie II ist erst ab 18 Jahren freigegeben und darf nur an Silvester und Neujahr gezündet werden.
Illegale Ware komme neben Polen und Tschechien aus den Niederlanden und Belgien, ergänzte Tryba.
Die Knaller zeichneten sich „durch einen besonders heftigen Bumm" aus. In der deutsch-polnischen Grenzregion wurde bereits vor dem hiesigen Verkaufsstart mit den teils in Deutschland verbotenen Böllern auf mehreren Märkten gehandelt.
Während die Prospekte der Handelsketten voll mit Angeboten für Feuerwerkskörper sind, hat die Organisation „Brot für die Welt" zu Spenden für Hilfsprojekte in Entwicklungsländern aufgerufen. Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel forderte die Bevölkerung auf, in die Zukunft von Menschen zu investieren, anstatt nur für ein paar Minuten den Nachthimmel zu erleuchten.
Die Aktion „Brot statt Böller" wurde 1981 von der evangelischen Kirchengemeinde in Bargteheide in Schleswig-Holstein ins Leben gerufen. Der Landestourismusverband in Mecklenburg-Vorpommern riet zugleich dazu, das Geld für Silvesterknaller in Waldaktien zu investieren.

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